Der Begriff "Web 2.0" genießt derzeit in allen Medien eine umfassende Präsenz. Als Erfinder des griffigen Schlagwortes gelten die Amerikaner Craig Cline und Dale Doherty, die im Jahr 2004 einen prägnanten Slogan für eine Konferenz über neue Trends und Techniken im Internet suchten. Anschließend hat sich besonders intensiv der amerikanische Verleger Tim O'Reilly mit dem World Wide Web der zweiter Generation beschäftigt und zahlreiche wegweisende Artikel publiziert.
Angesichts technologischer Innovationen und Anwendungen sowie den beschleunigten Ausbau von schnellen und preiswerten Breitbandanschlüssen, beschreibt der Slogan Web 2.0 eine neue Selbstverständlichkeit in der Nutzung des schier unendlichen Online Potentials.
Kennzeichnend für diese in den letzten Jahren sich vollzogene Evolution ist insbesondere, dass die traditionellen Grenzen zwischen Konsumenten und Anbietern oder zwischen einzelnen Diensteanbietern sukzessive verschwinden. Stattdessen hat sich das World Wide Web zu einer eigenständigen sozialen Plattform gewandelt, in der Kreativität und vor allem Interaktivität die treibenden Kräfte der Entwicklung sind.
Die Basis dafür bildet eine Reihe neuartiger und mehrwertiger Technologien, die es Usern ermöglicht auch ohne spezielle Kenntnisse weltweit in einer neuen Qualität miteinander zu kommunizieren und Informationen zu vernetzen.
Die wichtigsten Innovationen werden im nächsten Abschnitt exemplarisch erläutert werden. Da die Entwicklung gerade im Internet permanent voranschreitet, kann es sich natürlich nur um eine Momentaufnahme handeln, die den derzeitigen Stand widerspiegelt.
Die Technologien
Feeds
Abonnementdienste sorgen dafür, dass User aktuelle Inhalte einer Website (z. B. von Sportinformationsdiensten) automatisch angezeigt bekommen. Diese Dienste, sog. Feeds, kehren das tradierte Informationsparadigma um: Statt sich die Informationen aktiv zu holen, bekommt der Nutzer sie automatisch geliefert. Die Informationen werden dabei überwiegend als so genannte RSS-Feeds eingesetzt (Really Simple Syndication) bereitgestellt. RSS-Feeds sind nichts anderes als sehr einfach aufgebaute XML Dateien, die sich ohne Probleme automatisch erzeugen und in andere Anwendungen integrieren lassen. RSS-Feeds gehören mittlerweile zum Standardsortiment im Internet.
Tagging
Mit Hilfe der Tagging-Technik, können Benutzer die von ihnen gelesene Webseiten oder Einzelbeiträge mit frei wählbaren Begriffen verschlagworten. Der Vorteil: Durch Setzen der Taggs werden die klassischen Keywordstrategien erweitert. Auf Basis einer "kollektiver Intelligenz" wird somit eine sehr viel präzisere und nachvollziehbare Kategorisierung von Daten ermöglicht. Dieses Konzept hat eine weite Verbreitung in den Social Bookmark-Diensten wie del.icio.us und flickr.com gefunden.
Permalinks und Trackbacks
Mit Permalinks ist es möglich, auf einzelne Artikel oder Artikelversionen einer Webseite dauerhaft zu verlinken. Durch Permalinks ist es möglich, beliebige Beiträge als Grundlage von Chats, Diskussionsforen und ähnlichen interaktiven bzw. dialogorientierten Anwendungen zu nutzen. Grundlage für Permalinks sind stabile und möglichst nachvollziehbare Pfadnamen Trackbacks liefern umgekehrt den Autoren wertvolle Informationen darüber, wer ihre Artikel verlinkt hat. Spielerisch leicht können so Aktionen und Reaktionen erzeugt und nachverfolgt werden.
APIs
APIs sind offene Programmierschnittstellen, die dem User frei zugänglich gemacht werden. Die weltweite Usergemeinschaft wird auf diese Weise mit all ihrer Kreativität in den Entwicklungsprozess involviert. Beste Beispiele hierfür sind große Internetpioniere wie Amazon, eBay oder Google, die Schnittstellen zu ihren Datenbanken offen gelegt haben.
Mashups
Mit Mashups bezeichnet man die entstehenden Kombinationen aus existierenden Webinhalten und –angeboten, wie z.B. die Verknüpfung der Geodaten von Google Maps mit anderen Inhalten (Kleinanzeigen, Sachinformationen, etc.).
AJAX
AJAX ermöglicht es, Objekte und Inhalte im Browser neu aufzubauen und anzuordnen, ohne dass nach jeder Aktion die gesamte Seite zu Lasten der Performance neu geladen werden muss. Der Browser reagiert erheblich schneller, für den User entsteht der Eindruck, mit der Benutzeroberfläche einer herkömmlichen Desktop-Anwendung zu arbeiten. Beispiele für die einfache, schnelle und komfortable Bedienung mit klassischen Desktop-Funktionen (Drag-and-Drop) sind die zahlreichen Personalisierungstools von Google.
Die oben beschriebenen Technologien zeichnen sich alle durch eine Reihe von Merkmalen aus, die die Attraktivität des Web 2.0 besonders für den User ausmachen:
Einfache Handhabbarkeit
Content zu erzeugen, zu publizieren, zu verlinken, zu verschlagworten und zu bewerten ist - m Verhältnis zum konventionellen Website-Editing - deutlich leichter geworden,. Auch User ohne spezielle Fachkenntnisse können all diese Tätigkeiten einfach und fehlerlos ausführen. Es gibt keine zwingenden Vorschriften für die Gestaltung der publizierten Inhalte, so dass einerseits die Hemmschwelle für Neulinge erheblich sinkt und gleichzeitig dieNutzung der neuen Anwendungen vereinfacht wird. Das Internet wird dadurch zu einem kollektiven Medium, dass die User vom einst passiven Konsumenten zum aktiven Mitgestalter wandelt.
Offenheit und ständige Weiterentwicklung
Die freie Programmverfügbarkeit - der Open-Source-Gedanke - wird im Web 2.0 konsequent beachtet und auch auf die Datenbestände ausgeweitet. Die User werden aktiv in den Entwicklungsprozess mit eingebunden (z.B. diverse "Beta" Tests bei Google). Viele Anbieter machen sich die Kreativität der Anwender zu Nutze, bauen regelmäßig neue Features in die Seiten ein und testen während des laufenden Betriebes gemeinsam mit den Usern. Entsprechend der Nutzerreaktion werden bestimmte Funktionen weiterentwickelt oder schnell wieder entfernt.
Geräte- und Medienunabhängigkeit
Die Technologien funktionieren standortunabhängig und praktisch mit jedem internetfähigen Endgerät. Es existieren kaum hard- oder softwarebedingte Barrieren für die Nutzung. Tagging oder Permalinks beispielsweise lassen sich auf Texte, Bilder, Videos und Musikdaten gleichermaßen anwenden. Grafische Extravaganzen sind größtenteils durch allgemein anerkannte Nutzungsparadigmen verdrängt worden – so entsteht eine Barrierefreiheit im weitesten Sinne.
User- und Nutzenorientierung
Die beschriebenen Komponenten sind in erster Linie darauf ausgerichtet, dass jeder einzelne Nutzer von der "Weisheit der Menge" profitiert. Man spricht in diesem Zusammenhang auch häufig von "Social Software". Das oft beschworene intelligentere Web entwickelt sich auf diese Weise ohne aufgestülpte Architektur aus dem Labor fast im Alleingang durch die Tätigkeit der breiten Nutzerbasis.
Die Anwendungen
Die beschriebenen Innovationen nützen nur, wenn sie auch praktisch eingesetzt werden können. Mit dem Begriff "Web 2.0" sind eine Reihe typischer Anwendungen verknüpft:
Blogs
Blogs (genauer Weblogs – eine Kombination aus den englischen Wörtern "Web" und "Log") sind im Prinzip nichts anderes als Online-Tagebücher. Spezielle Publishing-Systeme (eine Art CMS mit Basisfunktionen) sorgen dafür, dass das Redigieren, Formatieren und chronologische Veröffentlichen von Beiträgen von jedem Internetnutzer problemlos ausgeführt werden kann – Generieren von RSS-Feeds inklusive. Da die Artikel auch sehr einfach verschlagwortet, verlinkt und kommentiert werden können, bieten Blogs eine ideale Plattform für direkte und schnelle Kommunikation. Die "Blogosphäre" hat sich in den letzten Jahren explosionsartig entwickelt: Eine der bekanntesten Blog-Suchmaschinen www.technorati.com hatte im August 2006 bereits 50 Millionen Blogs indiziert. Neben der nachhaltigen und leicht nutzbaren Möglichkeit, authentische Informationen zu verbreiten, bietet ein Blog auch hervorragende Chancen, qualifizierten Input einer breiten Nutzergruppe zu bekommen und auszuwerten. Auf der eigenen Website eingeführt, können mit Hilfe von Blogs beliebige Produkte des Unternehmens frei kommentiert und bewertet werden – ganz im Stile von Amazon. Dadurch dass Nutzer die ehrlichen Meinungen anderer Kunden deutlich höher bei ihrer Kaufentscheidung bewerten als Marketingaussagen des Herstellers, ergibt sich ein enormes Vertriebspotential (vorausgesetzt die Kommentare sind in der Regel positiv).
Unabhängig davon, ob ein Unternehmen eigene Blogs betreibt oder nicht, sollten auf jeden Fall themenrelevante externe Blogs beobachtet und eine Strategie für den Umgang mit positiven oder negativen Einträgen festgelegt werden. Völlige Ignoranz gegenüber den Bloggern ist genauso unangebracht wie Versuche, positive Kommentare unter falschen Namen zu veröffentlichen. Dass viele Unternehmen bisher keine Blogs einsetzen, wird oft mit fehlenden Ressourcen, unklaren Rechtslagen oder dem möglichen Ausplaudern von Betriebsgeheimnissen begründet. Diese Argumente scheinen stichhaltig, aber letzten Endes spiegelt ein Blog nur die vorhandene interne Kommunikations- und Unternehmenskultur wieder. Ist diese in Ordnung, sollte der Nutzung eines oder mehrerer CI konformer Blogs nichts im Wege stehen.
Wikis
Wer Wiki liest, denkt mit Sicherheit sofort an Wikipedia – die größte frei zugängliche Sammlung menschlichen Wissens im Internet. Der Begriff Wiki beschreibt aber ganz allgemein eine Sammlung von Seiten, die von Benutzern nicht nur gelesen, sondern auch schnell und unkompliziert auf der Basis einer einfachen Redaktionssoftware geändert werden kann. Alle Änderungen werden dabei protokolliert. Dieses quasi "anarchistische" Konzept, jeden Leser mit dem Redakteursstatus zu adeln, birgt natürlich gewisse Risiken bezüglich der Verbreitung falscher Informationen oder sogar der kompletten Zerstörung vorhandenen Materials. Aus diesem Grund ist die Einsetzung von Administratoren bei gering kontrollierten Wikis unerlässlich. Aktuell wird auch die Idee diskutiert, Artikel bei Erreichen eines bestimmten Niveaus "einzufrieren". Bei geschlossenen Nutzergruppen, z. B. in einem Intranet, sind die Risiken geringer. Hier bieten Wikis eine Alternative, schnell und unkompliziert einen Wissenspool zusammenzutragen. Wiki-Systeme werden wegen der einfachen Bedienung auch häufig für Projektdokumentationen eingesetzt.
Podcasts
Podcast ist ein Kunstwort aus dem Markennamen "iPod" und Broadcasting (engl. für Rundfunk). Ein Podcast ist im ursprünglichen Sinn eine Audiodatei, die über Newsfeeds verbreitet wird. Auch für Podcasts gilt das "Web 2.0-Prinzip" der einfachen Erstellung und Verteilung. Auch diese Medienform hat sich von ursprünglich hauptsächlich privater Nutzung zu einer seriösen Form unternehmerischer Tätigkeit entwickelt. Podcasts werden beispielsweise zur Produktpromotion oder im E-Learning genutzt. Podcasts sind aus vielen Gründen interessant für das Marketing. Dabei ist es nicht entscheidend, ob mit dem Podcast direkt geworben wird oder ob fremde Podcasts als Werbeträger genutzt werden ("Podvertising"):
• Die Konsumenten sind eine vielversprechende Zielgruppe für die Werbung (innovationsfreudig, aufgeschlossen gegenüber neuen Produkten usw.). • Podcasts lassen sich mit geringem Aufwand (auch zeitnah) erstellen und verbreiten. • Über das Abonnement wird eine direkte und (bei Gefallen) auch langfristige Bindung erreicht. • Durch den Weiterempfehlungseffekt guter Podcasts erhöht sich die Reichweite ohne zusätzliche Aufwendungen spürbar. • Podcasting entwickelt sich zu einer Alternative zu konventionellen Medien.
Beispielsweise werden immer mehr Autos mit iPod-Integration verkauft, was darauf hindeutet, dass die Fahrer lieber ihr eigenes Programm zusammenstellen als sich von Radiosendern langweilen zu lassen. In jüngster Zeit hat die Verbreitung von Videocasts spürbar zugenommen. Eine wesentliche Ursache dafür ist die Videounterstützung durch Apples iTunes seit Mai 2005, die es erlaubt, Videosequenzen auf dem iPod zu betrachten.
Social Sharing
Das Web 2.0 wird durch Portale einer neuen Generation charakterisiert. Basierend auf den einfachen Möglichkeiten der Datenproduktion und -speicherung im Web sowie dem Bestreben vieler Nutzer, andere an eigenproduzierten Inhalten teilhaben zu lassen, entstanden große Sharing-Portale für Bilder (z. B. Flickr) und Videos (z. B. YouTube). Diese Websites zeichnen sich durch intuitive Bedienung aus und werden intensiv genutzt. Gegenüber herkömmlichen Tauschbörsen grenzen sie sich vor allem dadurch ab, dass der Austausch von Erfahrungen und das Einschätzen der Leistungen anderer im Vordergrund der Nutzertätigkeiten steht. Gemäß der im Web 2.0 typischen Gemeinschaftsphilosophie werden die Contents in der Regel unter relativ liberalen Lizenzbestimmungen (Creative Commons) für die weitere Verwendung freigegeben. Noch einen Schritt weiter in der sozialen Vernetzung und Integration gehen speziell auf die Kontaktanbahnung und -pflege ausgerichtete Plattformen (z. B. MySpace und OpenBC). Diese Dienste führen unterschiedliche Anwendungen wie Blogs, Chats oder das Teilen von Inhalten zusammen. Sie werden erfolgreich zur Suche von Partnern, Menschen mit gleichen Interessen oder direkt zur Anbahnung von Geschäftskontakten genutzt.